Schlummernde Schrecken

 

Schwüle Hitze brütete über dem Grasland, während Qubiscant und Blanc der Sonne hinterhermarschierten. Nach den Frosthöhlen der Schneehexe und der eisigen Schattenklamm freuten sie sich beinahe darüber, dass ihnen die Kleider am Leib und die Ranzen am Rücken klebten. Qubiscant schnaufte und wischte sich ein paar verschwitzte Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Sobald wir die nächste Stadt erreichen, werde ich wenigstens zwei Tage lang im Badehaus bleiben und mich von hübschen Damen massieren lassen, während mir das beste Essen serviert wird“, sinnierte er und seufzte tief.

„Gut. Ich werde dir einen Sonderpreis machen.“

Qubiscant hob die Brauen. „Was?“

„Ich kaufe einfach alle Geschäfte dort auf“, grinste Blanc. Er fingerte in einer Hosentasche, zog ein Goldstück hervor und ließ es zwischen Daumen und Zeigefinger kreisen. „Und mit dem Rest meines Anteils baue ich mir in der Nähe der Stadt vielleicht einen Palast oder etwas Ähnliches. Mal sehen.“

Sie lachten zufrieden. Die Schatzsuche hatte sich gelohnt, und die Welt lag ihnen zu Füßen.

„Siehst du die Hügel dort hinten?“, fragte Blanc, nachdem sie eine Weile gewandert waren. „Dahinter liegt Phalsia. Mein Phalsia“, setzte er fröhlich hinzu. „Wir müssen nur noch über diesen Fluss, und schon hat uns die Zivilisation zurück!“

Seine Füße schienen leichter zu werden, je näher sie ihrem Ziel kamen, und er schritt noch weiter aus. Als Qubiscants Schatten hinter ihm zurückblieb, wandte er sich um. Der alte Abenteurer war stehen geblieben und schüttelte energisch den Kopf.

„Verdammt! Verdammt! Verdammt , Blanc!“ Qubiscant drehte sich im Kreis und stampfte mit dem Fuß auf. „Verdammt nochmal! Verdammt!“

„Was ist los? Hat dich 'ne Hummel gestochen?“, scherzte Blanc. Aber Qubiscant beruhigte sich nicht. Seine Hände waren zu Fäusten geballt. Sein Atem ging schwer.

„Warum musstest du das unbedingt erwähnen?“ Qubiscant polterte mit zornigem Blick auf Blanc zu. Er sah ein wenig wie ein wild gewordener Bulle aus, ebenso korpulent und aggressiv. „Warum musstest du jetzt, so kurz, bevor wir in Sicherheit sind, so etwas Dummes sagen?“

„Was ... was habe ich denn gesagt?“ Blanc rekapitulierte die letzten Wortwechsel und fand nichts Verwerfliches daran.

„Du hast gesagt, ich zitiere: Wir müssen nur noch über diesen Fluss, und schon hat uns die Zivilisation zurück.

„Ja. Und?“

„Du hast gerade unser Todesurteil gesprochen, du vollkommen verblödeter Narr!“

Blanc schob seinen Hut zurück und warf einen Blick zur Sonne. Sie war heiß, ohne Zweifel. Aber nicht heiß genug, um Qubiscant einen so heftigen Sonnenstich zu verpassen. Er trat vorsichtig beiseite.

„Warum musstest du den Fluss unbedingt so explizit nennen? Hätte es nicht gereicht, einfach hindurch zu waten? Auf der anderen Seite hättest du von mir aus tausend Bemerkungen darüber machen können. Aber doch nicht davor !“

„Ähm ... worauf genau willst du hinaus?“

Qubiscant schüttelte erneut seinen Kopf. Blanc befürchtete einen Augenblick, er würde wieder mit seiner Verdammt -Litanei beginnen, aber glücklicherweise schien er sich rechtzeitig zu fangen. Er atmete mehrere Male tief durch und sprach dann ruhiger: „Hast du schon mal eine Geschichte gelesen?“

Blanc nickte langsam.

„Dann müsstest du auch wissen: Sobald etwas beim Namen genannt wird, bekommt es Gewicht. Wenn in einer Geschichte etwas Unerhebliches geschieht, dann wird es auch nicht beschrieben. In einer guten Geschichte wirst du vergeblich nach einem Satz wie ' Die fünfschwänzige Grunzwanze biss ihm den Kopf ab ' suchen, wenn diese Grunzwanze zuvor niemals Erwähnung fand. Das hat was mit narrativer Erzählstruktur zu tun, kapiert? Ereignisse müssen logisch aufeinander folgen. Klar?“

Blanc nickte noch einmal. „Eine Grunzwanze hat allerdings für gewöhnlich keine fünf …“

„Und um wieder auf uns zurückzukommen: Wir hätten einfach diesen Fluss überqueren können, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Es ist schließlich nur ein Fluss. Etwas Langweiligeres wirst du zwischen all den Abenteuern, die wir erlebt haben, kaum finden. Aber du hast ihn erwähnt . Du konntest deine vorlaute Klappe nicht halten! Jetzt ist es kein langweiliger Fluss mehr, sondern eine potenzielle Gefahr. Und das ausgerechnet so kurz vor unserem Ziel!“

„Du hast echt Angst, dieses Rinnsal könnte uns zum Verhängnis werden?“ Blanc zeigte auf den ruhigen Wasserlauf, auf dem eine Entenfamilie mit drei niedlichen Küken vorüberschwamm.

Qubiscant starrte ihn lediglich an.

„Ich glaube, du reagierst ein wenig über. Ich meine ... haben wir in den Frosthöhlen nicht die gehörnte Schneehexe und ihre grausige Gefolgschaft zur Strecke gebracht? Und in der Schattenklamm konnte uns selbst das schwarze Fressmonster nichts anhaben, obwohl es nur aus Mäulern, Zähnen und spitzen Klauen bestand.“

„Stimmt. Du hast aber auch nicht gesagt: So, jetzt müssen wir nur noch diese gehörnte Schneehexe zur Strecke bringen.

Blanc zuckte die Achseln. „Weißt du was, ich mache dir einen Vorschlag: Wir nehmen den Fluss jetzt mal genau unter die Lupe und überprüfen, ob er uns irgendwie gefährlich werden kann.“

Einen Moment lang zögerte Qubiscant, und Blanc dachte schon, der verwegene Haudegen würde sich davor fürchten, einen völlig harmlosen Fluss auch nur zu betrachten , als er schließlich einwilligte.

„Aber du gehst voraus.“

Damit hatte Blanc nun wirklich kein Problem, und nachdem sie den Fluss ausreichend lange angestarrt und kein Anzeichen eines todbringenden Übels entdeckt hatten, fragte er in versöhnlichem Tonfall: „Zufrieden?“

„Pah“, schnaubte Qubiscant. „Es ist zu harmonisch. Viel zu harmonisch. Ich spüre die Gefahr in den Knochen, Jungchen, das kannst du mir glauben. Ist sowas wie ein Instinkt. Ich habe schon Ungeheuer mit meterlangen Zähnen getötet, als du noch gar keine Zähne hattest . Also komm mir nicht auf die Tour, ist das klar?“

„Was genau bereitet dem großen Helden denn Sorgen?“, fragte Blanc süffisant. „Ist es die hinterhältige Entenfamilie oder eher der heimtückische Frosch dort hinter dem Farn? Ich glaube nicht, dass – Vorsicht!“ , schrie er plötzlich entsetzt auf und sprang zur Seite.

Qubiscant wurde zu einem verschwommenen Schemen, rollte sich blitzgeschwind durchs hohe Ufergras und ging in Deckung. „Was? Wo?“

„Dort unten, am Grund des Bachs!“, keuchte Blanc aufgeregt. „Ein gemeiner Flusskrebs! Mit Scheren, mindestens so groß wie mein kleiner Zeh! Wenn nicht größer!“

Eisiges Schweigen schloss sich an, als der rüstige Alte sich langsam erhob, das Schwert in die Scheide schob und Blanc kopfschüttelnd betrachtete. „Du denkst wirklich, ich wäre übergeschnappt, ja? Du denkst, du wärst ach so klug und allwissend.“ Er schüttelte erneut den Kopf, und diesmal ging die Geste Blanc wirklich an die Nieren, denn sie strafte ihn mit kalter Verachtung.

„Ich hab' die Schnauze voll“, sagte Blanc und stapfte auf den Fluss zu. „Ich wate jetzt durch. Du kannst ja nach einer Brücke suchen oder mir später folgen.“

„Willst du unbedingt bei lebendigem Leib gefressen werden?“

Blanc dreht sich um. „Du meinst von den Ameisen, die über uns herfallen, wenn wir noch länger hier warten?“

„Ich meine das Ding, das am Grund des Flusses lebt und sich tarnt. Es ruht unter dem Schlamm und hofft nur auf arglose Wanderer wie uns. Möglicherweise ist es der Schlamm.“

Blanc stöhnte. Wohl wissend, dass Widerworte reine Verschwendung wären, hob er den Zweig eines Weidenbaums auf, stellte sich ans Ufer und stieß den Ast tief in den Schlick hinein. „So. Ist das Monster jetzt tot?“

„Red keinen Unsinn.“

„Dann kann ich ja rübergehen.“

„Wenn du sterben willst, nur zu.“

„Aber ... es ist doch nur Schlamm !“

„Du irrst dich. Irgendetwas in diesem Fluss lebt und hat's auf uns abgesehen. Ich kann es förmlich riechen. Siehst du die kleinen Bläschen, die immer wieder vom Grund aufsteigen? Und wieso schwimmt nicht ein einziger Fisch in diesem Bach? Ich verrate es dir: Weil dieses Ding in seinem Grund lebt und sie genüsslich aufsaugt.“

Blanc schluckte. Die Argumentation erschien wie Irrsinn ... aber dennoch ...

„Ich gehe trotzdem“, sagte er und überwand das mulmige Gefühl, das sich in seinem Magen eingenistet hatte. Er sah noch einmal zu Qubiscant, der ihn sichtlich betroffen musterte. Für den alten Recken war er tot, sobald er einen Stiefel in das Flussbett setzte.

„Das ist doch verrückt“, murmelte Blanc leise zu sich selbst, während er einen Fuß ins Wasser senkte. Vor ein paar Minuten noch wäre er einfach durch diesen Bach gegangen, ohne auch nur einen Gedanken an so etwas Dämliches wie lebendigen Schlamm zu verschwenden. Aber jetzt ...

Wasser schloss sich um seinen rechten Stiefel. Das Leder sog sich voll. Er berührte den Grund vorsichtig mit der Sohle, aber der Schlamm machte keine Anstalten, ein Maul oder etwas Ähnliches zu öffnen. Noch nicht, flüsterte seine innere Stimme.

„Sei bloß still“, sagte er laut zu sich selbst, um seine Gedanken zu übertönen. Sein Fuß fand Halt, und er stieg auch mit dem anderen Bein ins Wasser. Hinter ihm erklang ein scharfes Zischen, als Qubiscant vorsorglich sein Schwert zog.

„Kein gieriger Schlund soweit“, teilte Blanc mit. Er machte einen weiteren vorsichtigen Schritt. Der Schlick saugte an seinen Stiefeln, aber das hatte Schlick nun einmal so an sich. Noch ein Schritt. Und noch einer. Jetzt stand er fast in der Mitte des Flusses. Fast .

Er blickte sich um. Qubiscant hielt seine Waffe mit beiden Händen umklammert und betrachtete das Schauspiel gebannt. Schweiß glänzte auf seiner Stirn und troff von seinen Brauen. Der alte Haudegen zwinkerte die Tröpfchen weg. Er war höchst konzentriert. Kampfbereit.

Blancs Herz klopfte wider jegliche Vernunft schneller, und seine Beine zitterten wie damals, als sie das schwarze Fressmonster zum Kampf gefordert hatten. Verhängnisvolle Luftbläschen stiegen um seine Beine herum an die Oberfläche. Blanc biss die Zähne aufeinander und wagte sich noch einen Schritt nach vorn.

Nun stand er direkt in der Mitte des Flusses. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Der Schlamm fühlte sich seltsam an ... oder nicht? Als würden lauter kleine, spitze Nadeln unter der Oberfläche sitzen. Wie Zähne. Oder war das nur die Angst, die ihn verrückt machte? Er hob den linken Fuß und machte den ersten Schritt, der ihn näher an das andere Ufer heranbrachte.

Ein gellender, markerschütternder Schrei ertönte hinter ihm. Blanc gefror das Blut in den Adern. Er wirbelte herum und sah entsetzt, wie ein riesiges, mit schwarzen Stoppeln übersätes Monstrum sich aus dem Erdreich wühlte und von hinten auf Qubiscant stürzte. Die fünf Schwänze des Ungeheuers knallten wie Peitschen in der Luft, während die haarige Gestalt Qubiscant unter sich begrub und dem armen Kerl den Kopf abbiss.

Blanc platschte mit großen Schritten zum Sicherheit verheißenden anderen Ufer und rannte, was das Zeug hielt. „Du hättest das eklige Viech wohl vorhin besser nicht erwähnt“, keuchte er beim Laufen. Hinter ihm machte sich die Grunzwanze mit genussvollen Schmatzern über ihr Opfer her.

 

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